Empathische Retrospektiven in Unsicheren Zeiten – Raum für Menschlichkeit im Team
TL;DR: Diese Methode passt Retrospektiven an aktuelle Krisensituationen an, in denen Unsicherheit und persönliche Belastungen wie Homeoffice und Homeschooling den Alltag prägen. Sie schafft einen sicheren Raum für Teams, um persönliche Herausforderungen zu teilen, Empathie zu fördern und den Zusammenhalt zu stärken, indem der Fokus von reinen Prozessoptimierungen auf menschliche Bedürfnisse verlagert wird.
Worum geht es?
In Zeiten großer Unsicherheit und Belastung, wie sie viele durch Remote Work, Homeoffice und Homeschooling erfahren, sind Teams mehr denn je auf Unterstützung und Zusammenhalt angewiesen. Dieser Ansatz zeigt, wie du als Teambegleiter oder Moderator Retrospektiven gestalten kannst, die nicht nur auf Prozessebene, sondern vor allem auf der menschlichen Ebene wirken. Es geht darum, Raum zu schaffen für das, was Menschen gerade wirklich beschäftigt, und das Team als sicheren Hafen zu stärken.
Die Methode auf einen Blick (Methoden-Steckbrief)
| Kriterium | Details |
|---|---|
| Einsatzgebiet | Retrospektiven, Team-Meetings, Workshops |
| Zielgruppe / Größe | Teams, insbesondere in Remote-Settings |
| Dauer | Nicht spezifiziert (betont Zeit für Austausch) |
| Material | Remote-Meeting-Tools (z.B. Microsoft Teams, Zoom) |
| Schwierigkeitsgrad | Leicht |
Der konkrete Mehrwert für das Team
- Schafft einen sicheren Raum für den Austausch über persönliche Herausforderungen und Sorgen in unsicheren Zeiten.
- Fördert gegenseitiges Verständnis und Empathie innerhalb des Teams.
- Ermöglicht das Teilen praktischer Tipps und Bewältigungsstrategien untereinander.
- Stärkt das Gefühl von Sicherheit und Zusammenhalt im Team, besonders wenn andere Sicherheiten wegfallen.
- Verlagert den Fokus von reiner Effizienz auf menschliche Bedürfnisse und Wohlbefinden.
Schritt-für-Schritt-Anleitung
- Eröffnung: Das persönliche Check-in (Couple Up)
- Stelle eine offene Frage wie: „Was ist eigentlich euer Tipp, um durch diese Zeit jetzt zu kommen?“ oder „Wie kommst du hier an? Was geht dir durch Kopf und durch Herz?“
- Teile die Teilnehmenden in Zweier-Räume (Breakout Rooms) auf, um einen intimeren Austausch zu ermöglichen.
- Bitte jedes Paar, sich gegenseitig zu erzählen, wie es ihm geht und welche Strategien oder Tipps es persönlich gerade nutzt, um mit der Situation umzugehen.
- Führe die Teilnehmenden nach einer angemessenen Zeit zurück in den Hauptraum.
- Lass jede Person berichten, was sie von ihrem Partner gelernt hat oder welchen Tipp der Partner gegeben hat. Plane hierfür bewusst viel Zeit ein, um jedem Gehör zu schenken.
- Vertiefung: Empathie durch Kleingruppen (Glad, Sad, Mad adaptiert)
- Starte den eigentlichen Retrospektiven-Teil, aber mit dem Ziel, das Team stark miteinander zu vermischen und die Gesprächsatmosphäre aufrechtzuerhalten.
- Nutze eine klassische Methode wie „Glad, Sad, Mad“. Bitte alle, ihre Punkte individuell zu den jeweiligen Kategorien einzutragen.
- Teile das Team in neue Kleingruppen auf. Jede Gruppe fokussiert sich auf einen der Bereiche (z.B. eine Gruppe auf Glad, eine auf Sad, eine auf Mad).
- Die Gruppen diskutieren die gesammelten Punkte und versuchen, sich in die Gedanken und Gefühle der anderen, die diese Punkte geschrieben haben, hineinzuversetzen.
- Lass die Gruppen ihre Erkenntnisse und Interpretationen im Plenum vorstellen.
- Mische die Kleingruppen erneut.
- Die neu gemischten Gruppen entwickeln gemeinsam Lösungsansätze für die zuvor identifizierten Probleme oder Herausforderungen (Sad/Mad).
- Optional als Abschlussaufgabe: Gib eine Aufgabe wie „Wie schaffen wir es im Team, drei Räume für die anderen zu schaffen?“, um konkrete Unterstützungsmaßnahmen oder Angebote innerhalb des Teams zu identifizieren.
Stolpersteine & Tipps für die Moderation
In diesen Retrospektiven ist es entscheidend, den Drang zu widerstehen, die Session „zack, zack, zack“ schnell durchzuhetzen. Gib bewusst viel Zeit für den Austausch, da es gerade nicht um maximale Effizienz geht, sondern um das Schaffen von Raum und Sicherheit für die Teammitglieder. Die Methode muss nicht „fancy“ oder besonders komplex sein; oft sind es die einfachen, banalen Fragen wie „Wie kommst du hier an?“, die in unsicheren Zeiten am meisten freisetzen.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Warum ist es gerade jetzt so wichtig, persönliche Befindlichkeiten in Retrospektiven anzusprechen?
Die aktuellen Zeiten fordern alle stark heraus, sei es durch Lockdown, Homeoffice oder Homeschooling. Normale Arbeitsabläufe sind nicht mehr selbstverständlich. Durch das Schaffen von Raum für persönliche Themen können Teams gestärkt, individuelle Belastungen sichtbar gemacht und ein Gefühl der Sicherheit und des Zusammenhalts gefördert werden.
Welche Methode eignet sich für den Einstieg in ein solches Gespräch?
Eine einfache, aber wirkungsvolle Methode ist das „Couple Up“, bei dem sich zwei Personen gegenseitig erzählen, wie es ihnen geht und welche Tipps sie haben. Auch eine offene Frage wie „Wie kommst du hier an? Was geht dir durch Kopf und durch Herz?“ kann viel freisetzen und eine tiefere Diskussion anregen.
Sollten wir in Krisenzeiten auf übliche Prozessoptimierungen in Retros verzichten?
Der Podcast legt nahe, dass der Fokus momentan auf der Stärkung der Individuen und des Teams liegen sollte. Es geht nicht primär darum, „noch einen schnelleren Deploy-Prozess“ zu finden, sondern darum, Sicherheit und Unterstützung im Team zu schaffen, um die Widerstandsfähigkeit zu erhöhen. Prozessoptimierungen können warten, wenn das Wohl des Teams Priorität hat.
Wie stelle ich sicher, dass sich alle wohlfühlen, um persönliche Dinge zu teilen?
Gib bewusst viel Zeit für den Austausch und sorge für eine sichere und vertrauensvolle Atmosphäre. Beginne in kleinen, vertrauten Zweiergruppen, bevor die Ergebnisse im größeren Team geteilt werden. Betone, dass es darum geht, voneinander zu lernen und sich gegenseitig zu unterstützen, ohne dass jemand gezwungen ist, mehr zu teilen, als er möchte.
Tiefer eintauchen: Die komplette Folge
Wie geht es dir eigentlich gerade wirklich?
Die aktuellen Zeiten fordern uns allen vieles ab – doch lassen wir das auch zu? Oder unterdrücken wir die Herausforderung und wollen uns selber und anderen das Gefühl geben, dass irgendwie doch alles normal laufen kann? Wie du in dieser Situation als Scrum Master, Coach, Moderatorin oder Moderator unterstützen kannst, thematisieren wir in dieser Folge.
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